In Losenstein gibt es seit Juli 2019 den ersten österreichischen Genossenschaftsladen. Besonders daran ist nicht nur das Konzept, ein Geschäft gemeinsam zu besitzen, sondern auch die Technik dahinter. In Ums Egg können sich die Mitglieder sieben Tage die Woche selbst bedienen und einkaufen. Mit einer Karte betrete sie den Laden jederzeit- Bernd Fischer und sein Team haben dieses neue Konzept mit ihrem Nahversorger ins Leben gerufen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Selbstbedienungsladen zu eröffnen?

Ich habe fünf Jahre lang den Nahversorger in Losenstein geführt und mich mit dem Thema „regionale Kreisläufe“ beschäftigt. Was mich immer interessiert hat war, es so nachhaltig und regional wie möglich zu gestalten. Als ich zugesperrt habe, war es die Chance zu überlegen, wie man es ganz anders machen könnte. Es hätte nach mir keinen Nahversorger im Ort mehr gegeben.

Die Kunden sind auf mich zugekommen und haben sich gewünscht – können wir nicht wieder etwas machen? Ich habe gesagt: Wenn, dann komplett anders. Dann müssen wir eine neue Form von Nahversorgung bauen, die auch zukunftsfähig ist. Wo nicht einer alleine die Verantwortung trägt, sondern eine Genossenschaft. Als wir eine Umfrage gemacht haben und ich eine Gruppe dafür gefunden hatte, kam die Lust, etwas Neues zu probieren.

Und warum Selbstbedienungskassen?

Als wir gestartet haben, hatte ich noch Food-Coop Systeme im Hinterkopf, mit Vorbestellung und Abholung. Mir war klar, dass wir etwas mit weniger Personal brauchen. Wenn man beim Wachstum nicht mithalten kann, dann muss man schauen, was in die andere Richtung möglich ist. Wie kann man gesund schrumpfen? Damit man mit weniger Aufwand besser leben kann. Was ist genug? Was braucht man wirklich?

Bei unserer Umfrage ist auf einem dieser Fragebögen eine Notiz gestanden mit einem Link. Den habe ich mir angesehen. Das war ein Supermarkt in Schweden, der erste ohne Verkäufer. Da hat es Klick gemacht. Genau das ist es, was uns fehlt, damit es betriebswirtschaftlich Sinn macht, einen Supermarktbetrieb anzubieten, der die ganze Woche funktioniert. Es gibt nichts zwischen Food-Coop Vorbestellsystem und dem jetzigen großen Supermarkt, der sechs Tage in der Woche offen hat. Mit diesem Trick – Selbstbedienungsladen – ist es auf einmal möglich, dass man etwas dazwischen schafft. Das haben wir ins Konzept hineingenommen.

Wir funktioniert dein System?

Es ist ein Genossenschaftsgeschäft, das den Kunden und den Lieferanten gemeinsam gehört. Wir haben zwei Angestellte, mich und unsere Verkäuferin, die an offiziellen Öffnungstagen da ist. An nicht offiziellen Öffnungstagen kaufen Genossenschaftsmitglieder mit der Karte ein. Sie kommen her, melden sich an der Türe an und an der Kasse an und können dann einkaufen. Einmal im Monat wird das abgebucht, sie haben uns einen Abbuchungsauftrag gegeben. Man kann ohne Geld einkaufen gehen. Viele kennen das schon vom Fitnessstudio oder vom Baumarkt.

Mittlerweile habe ich festgestellt, dass es Kunden gibt, die lieber selber kassieren, weil es ihnen Spaß macht, auch wenn die Verkäuferin daneben steht. Die gehen dann zur zweiten Kasse. Den Kindern gefällt das sehr, die Eltern dürfen einräumen und ausräumen, aber sie machen den Kassiervorgang.

Wir haben zwei Kassen. An Öffnungstagen kassiert die Verkäuferin an der einen Kasse Bargeld und Genossenschaftsmitglieder brauchen nicht in der Schlange zu stehen und gehen zur zweiten Kasse. Ich bin froh, dass wir zwei haben, das erhöht die Ausfallssicherheit, weil ja nicht immer Personal da ist. Es ist auch von den Kosten kein großer Mehraufwand, es lohnt sich.

Wie sieht es mit der Sicherheit aus?

Es ist bei mir im Laden früher sicher gestohlen worden. Als normaler Nahversorger ist das so. Da habe ich nur die wenigsten erwischt. Was jetzt anders ist, dass nur die Genossenschaftsmitglieder reinkönnen, das sind ja Miteigentümer und sie würden sich selbst beklauen. Das ist eine ganz andere Vertrauensbasis. Durch die Anmeldung an der Tür weiß ich, wer ins Geschäft kommt und durch die Anmeldung an der Kasse weiß ich, wer was gekauft hat, das erhöht die Sicherheit.

Es ist ein sehr sicheres System. Das Grundgefühl ist Vertrauen. Wir vertrauen uns, das ist eine Genossenschaft. Das ist eine ganz andere Voraussetzung.

Wie wird „Ums Egg“ in der Gemeinde angenommen?

Es gibt Leute, die sagen: So ein Blödsinn. Wieso muss ich Mitglied werden, damit ich hier einkaufen kann? Warum muss ich kassieren? Es entsteht ein Diskussionsprozess. Auch die kritischen Kunden sind gut, weil sie interessiert sind. Dann gibt es Begeisterung. Ein Gastwirt im Ort ist Mitglied und ihm gefällt es, dass er nicht mehr so viel auf Lager haben muss. Er kann viel spontaner sein. Wenn am Sonntag eine größere Gesellschaft vom Wanderausflug kommt und er noch zehn Salate braucht, dann fährt er einfach her und holt sich die.

Genauso auch die Kunden. Wir merken, wenn es Sommer ist und sie baden gehen, haben sie keinen Stress, sie gehen einfach auf dem Rückweg um neun Uhr einkaufen. Wir haben festgestellt, dass auch an Feiertagen und am Sonntag Vormittag Umsätze sind.

Gibt es Visionen für dieses Konzept oder Bedarf in Österreich?

Natürlich gibt es Bedarf. Überall wo der klassische Nahversorger nicht mehr weitergeführt wird. Da fallen mir in der Region allein schon zehn Orte ein. Wir werden auch immer wieder darauf angesprochen, es gibt Nachfragen. Ich denke, dass gerade auf dem Land neue Konzepte fehlen. Es gibt gut funktionierende für die Stadt. Foodgroup Systeme, es gibt den Genossenschaftsmark „Le Louvre“ in Paris, der richtig gut geht. Die Zwischenlösung, die kleine Orte brauchen, da gibt es einen riesigen Bedarf und genau da passen wir hin.

Glaubst du, dass dieses Konzept die Kraft hat, einen sterbenden Ortskern zu revitalisieren?

Wenn das nicht funktioniert, dann weiß ich nicht, was man noch tun soll. Für mich ist das eine der kräftigsten Möglichkeiten, eine Genossenschaft zu bilden, die man gegen so einen Trend machen kann. Ich habe europaweit geschaut, was es an Konzepten gibt, und mir ist nichts Besseres aufgefallen. Wir werden nicht alle Dinge wieder aufbauen können, aber so eine Dorfgenossenschaft kann viel mehr, als einen Supermarkt machen. Sie könnte auch den Frisör übernehmen, eine Gastwirtschaft weiterführen.

Wir brauchen aber ein technisches Hilfsmittel. Es reicht nicht, dass wir sagen, wir bilden eine Genossenschaft und machen weiter wie vorher. Die Lösung, die wir mit der GEAsoft Kasse gefunden haben, mit den technischen Entwicklungen, ist dringend notwendig, damit wir es wirtschaftlich schaffen können. Da musste es einen radikalen Neuanfang geben.

Ist das eine Form von Selbstermächtigung?

Klar, Technik kann mir in der Woche zehn Stunden im Büro sparen, die ich mit Zettelwirtschaft und Excel-Listen verbringen müsste. Es sind logistische und technische Herausforderungen, ich habe mich lange dagegen gewehrt, weil mir das Feeling vom Greißler gefällt. Dieses Alte, auf sozialen Strukturen Aufbauende.

Bei uns lernen die Leute z.B. sehr schnell, wie sie kassieren und dadurch können sie auch Verkäufer sein. Sie springen an Öffnungstagen ein, wenn jemand von uns krank ist, und kassieren. Wir haben 90 potenzielle Ersatzkassierer, weil sie das System kennen. Eine Gemeinschaft, die zusammen hilft, die sich nicht alles gegenseitig verrechnet, hat eine unglaubliche Kraft.

Ich sage immer: Wenn es in Losenstein funktioniert mit allen Widrigkeiten, dann schaffen wir es überall. Es ist gut so, auch wenn nicht von vornherein die große Unterstützung dahinter war.

Ums Egg Losenstein – GEAsoft Kasse

“Ums Egg” – der Nahversorger in Losenstein